Prosa-Text: Enthüllung

 

Die Welt könnte so gut sein, aber ich bin an allem Schuld

In Wahrheit liegt es nur an mir, dass die Welt so schlecht ist! Ich bin faul und ignorant. Ich liege morgens viel zu lange im Bett. Ich halte keine Zeitung, keinen Hund.

Ich habe aber die verdammte Pflicht und Schuldigkeit, mich um alles in der Welt zu kümmern! Ich müsste doch alle Umstände in Afrika (die Tiere!) und in Südamerika (der Amazonas!) anprangern und jeder Situation bis hin zum Polareis entschieden Einhalt gebieten! Was tue ich aber in Wirklichkeit? Ich schaue weg. Ich lasse die Verhältnisse einfach laufen. Ich jage nur meinen Privatinteressen nach. Ich esse gerne Kuchen.

Ich wandere stundenlang durch Wälder und an Flüssen entlang und denke dabei fast gar nichts. Ich treffe mich mit Freunden, sitze gerne am Feuer oder sehe mir schöne Filme an.

Da ist es kein Wunder, dass die Welt immer schlechter wird. Verwicklungen und Auseinandersetzungen, Krankheiten, Umwelt, Politik - sie werden immer bedrohlicher, und das alles nur, weil ich untätig bin, die Hände in den Schoß lege und unbekümmert in den Tag hinein lebe. Pfui Teufel!!

"...und eine geheime Stimme ruft mir zu: 'Grauer Geck! Bestelle Dein Haus, denn du musst sterben.'"1)

Kürzlich habe ich nichts gegen Ablehnung unterschrieben, bin nicht zur Demo für Vereitelung gegangen, blieb zu Hause, als die Vorherrschaft beschlossen wurde, drehte mich auf die andere Seite, als der Komet auf die Erde zuraste...

Und das habe ich nun davon: alle diese Sachen, die jetzt immerzu passieren, sind allein meine Schuld! Ich könnte glücklich und unendlich leben, wenn ich nicht so herzlos wäre. So aber, wie gesagt, muss ich sterben.

 

1) Ulrich Bräker, Lebensgeschichte und Abenteuer des armen Mannes im Tockenburg. Greifenverlag zu Rudolstadt 1969, S. 187

 

(Aus: Unhaltbare Enthüllungen)